MEroller hat geschrieben:Das war ein Trugschluss, die Schnellladefährigkeit hat rein garnichts mit der Batteriekapazität zu tun.
Doch, hat sie. Einfaches Beispiel:
Ein Tesla S verbraucht 22 kWh auf 100 km. Genau diese Energiemenge bekommt man beim Tesla S in 10 Minuten in den Akku (daran mache ich Schnelllade-Fähigkeit fest). 10 Minuten sind 1/6 einer Stunde, d. h. man braucht 6 * 22 kW = 132 kW, um in 10 Minuten die Energie für 100 km in den Akku eines Tesla S zu bekommen. Mit einem Supercharger klappt das.
Weitere Randbedingung: die Lade-Belastung sollte 2 C nicht übersteigen. Zwar wird bereits an Akkus gearbeitet, die ohne nennenswerten Einfluss auf die Lebensdauer mehr vertragen, aber diese sind noch nicht serienreif. Bei den derzeit verfügbaren Akkus würde ich mir zumindest bei häufigerem Laden mit mehr als 2 C Sorgen um die Lebensdauer machen. Wenn man einen Akku mit 132 kW laden möchte, ohne dabei 2 C Lade-Belastung zu überschreiten, muss der Akku eine Kapazität von mindestens 66 kWh haben. Der derzeit kleinste Tesla (mit 70-kWh-Akku) erfüllt diese Bedingung, also sind auch hier die Voraussetzungen fürs Schnellladen gegeben.
Anderes Beispiel, anderes Auto: der Nissan Leaf. Der verbraucht ca. 17 kWh auf 100 km. Auch hier sehe ich 10 Minuten für 100 km als Kriterium für das Prädikat "schnellladefähig" an. Um 17 kWh in 10 Minuten in den Akku zu bekommen, sind 6 * 17 kW = 102 kW Ladeleistung erforderlich. Und genau hier fängt es an, problematisch zu werden: der Akku des Nissan Leaf hat nämlich nur 24,5 kWh. 102 kW bedeuten für einen 24,5-kWh-Akku aber eine Belastung von 4,16 C. Das ist mehr als das Doppelte von 2 C, das Limit wird also deutlich überschritten.
Natürlich muss man den Leaf nicht mit 102 kW laden. Man kann auch die 2-C-Grenze einhalten, dann wäre man mit einer Ladeleistung von 49 kW dabei. Nur würde es dann nicht mehr 10 Minuten, sondern mehr als doppelt so lange dauern, um die Energie für 100 km in den Akku zu bekommen. Darüberhinaus gilt diese Rechnung nur bei einer Ladung bis ca. 80% SoC, denn nur bis zu diesem Wert kann mit maximaler Leistung geladen werden. Was wiederum bedeutet, dass man von der maximalen Reichweite des Leaf auch nur 80% nutzen kann. Bei 17 kWh/100 km Verbrauch und 24,5 kWh Akku-Kapazität liegt die Reichweite bei 144 km, 80% davon sind 115 km. Ungefähr in diesen Abständen müsste ein Leaf-Fahrer einen Ladestopp einlegen, wenn er mit maximaler Geschwindigkeit laden möchte, wobei jeder Ladestopp über 20 Minuten lang wäre. Und genau das hat zumindest für mich nichts mehr mit Schnelllade-Fähigkeit zu tun. Ganz anders sähe die Sache aus, wenn der Leaf einen 51-kWh-Akku an Bord hätte: dann wären 102 kW Ladeleistung möglich, ohne 2 C Lade-Belastung zu überschreiten. Und schwuppdiwupp könnte auch der Leaf die Energie für 100 km in 10 Minuten "tanken", ohne den Akku zu gefährden. Zusätzlich könnte der Leaf mehr als doppelt so weit fahren, bevor er wieder an die Steckdose muss. Damit wäre man schon viel näher an der Langstrecken-Tauglichkeit eines Tesla.
Diese beiden Beispiele zeigen, dass die Schnelllade-Fähigkeit sehr wohl etwas mit der Akku-Kapazität zu tun hat. Kompaktwagen sollten m. E. mindestens 50 kWh an Bord haben, um die Bedingungen für die Schnelllade-Fähigkeit zu erfüllen, große Autos wie der Tesla S mindestens 70 kWh. Zusätzlich muss es entsprechend leistungsstarke Ladesäulen in ausreichender Anzahl geben. Beim Tesla Model S sind schon jetzt beide Voraussetzungen erfüllt (Akku-Kapazität bei der kleinsten Variante 70 kWh, Supercharger-Netz existiert und ist ausreichend dicht). Beim Model 3 darf man mit 50 kWh Akku-Kapazität und Supercharger-Tauglichkeit rechnen, zumindest dieses Auto erfüllt die Bedingungen also ebenfalls. Da aber die Reichweite geringer ist, müssten noch ein paar weitere Supercharger aufgestellt werden, damit das Auto wirklich langstreckentauglich wird. Tesla traue ich das aber zu.
Bei der Konkurrenz fehlt es dagegen entweder an Akku-Kapazität oder an Lade-Infrastruktur. Den Nissan Leaf hatten wir schon, E-Golf, E-Up, Zoe, BMW i3 & Konsorten haben ein ähnliches Problem. Von der Akku-Kapazität her könnte der neue Chevrolet Bolt (bzw. sein zu erwartendes Opel-Pendant) gerüstet sein, denn der soll über 50 kWh Akku-Kapazität an Bord haben. Aber wie sieht es da mit der Lade-Infrastruktur aus? Wird das Ladestations-Netz so dicht und vor allem so leistungsfähig sein, dass es mit Teslas Superchargern konkurrieren kann? Zumindest derzeit darf das noch bezweifelt werden. Wenn sich daran in den nächsten 2 Jahren (so lange soll es noch bis zur Auslieferung des Tesla Model 3 dauern) nichts ändert, wird das Model 3 seinen Konkurrenten wohl die Rücklichter zeigen, und zwar wohlgemerkt auch denjenigen Konkurrenten, die mit ähnlicher Akku-Kapazität und damit mit ähnlicher Reichweite aufwarten können. Ohne entsprechende Lademöglichkeiten nutzt der große Akku nämlich nichts.
MEroller hat geschrieben:Da z.B. eine 90kWh Tesla Batterie mit um die 400V Spannung ca. 225Ah aufweist, muss ich dort also 225A reinschieben für die nahezu Vollladung in einer Stunde mit ebenfalls nur 1C. Das wären dann im Schnitt um die 90kW Ladeleistung, was ganz gut hinkommt beim Supercharging.
Dass Teslas allesamt schnellladefähig sind
und auch die notwendige Lade-Infrastruktur existiert und dass man daher Teslas als derzeit einzige langstreckentaugliche Elektroautos auf dem Markt ansehen kann, habe ich ja geschrieben. Bei allen anderen Autos hapert es entweder bei der Schnellladefähigkeit (mangels Akku-Kapazität) oder der Lade-Infrastruktur, schlimmstenfalls sogar bei beidem.
MEroller hat geschrieben:Die 130kW maximale Ladeleistung steht ja nur zwischen ca. 5 und 20% Ladezustand zur Verfügung, danach geht es schon sukzessive wieder runter.
Welche Ladeleistung die Supercharger liefern, habe ich gar nicht berücksichtigt. Ich beziehe mich auf das Diagramm auf
https://www.teslamotors.com/de_DE/supercharger. Demnach stehen nach maximal 40 Minuten 80% der Reichweite zur Verfügung. Bei einem Tesla mit vollgeladenem 85 kWh-Akku beträgt die Reichweite 500 km, 80% davon sind 400 km. Zum Laden der Energie für besagte 400 km braucht ein Tesla S am Supercharger gerade mal 40 Minuten, entsprechend 10 Minuten für 100 km. Eben diese kurzen Ladezeiten dürften der Grund gewesen sein, warum Teslas bei der
Wave Parade die einzigen Autos waren, von denen eine signifikante Anzahl aus größerer Entfernung (z. B. aus der Schweiz, den Niederlanden oder Norwegen) nach Berlin angereist war. Vergleichsweise viele davon sahen außerdem aus, als gehörten sie nicht zu einer Firmenflotte, sondern als seien sie Privatfahrzeuge. Alle anderen Autos trugen dagegen mehrheitlich Kennzeichen aus Berlin und dem Berliner Umland. D. h. die meisten davon waren nicht von weither angereist, sondern kamen aus der unmittelbaren Umgebung. Von diesen Autos wiederum gehörten die meisten zu Werks- oder Firmenflotten (z. B. Citroen bzw. deren Tochtergesellschaft Multicity Carsharing oder auch BMW DriveNow) oder Händlern (z. B. Nissan). All das sagt mir, dass hauptsächlich langstreckentaugliche Autos wie Teslas auch bei Privatleuten Anklang finden (was ich für eine wichtige Voraussetzung für einen Verkaufserfolg halte), während die nicht langstreckentauglichen Fahrzeuge Exoten sind, die kaum privat gekauft und auch ansonsten nur für Nischenanwendungen eingesetzt werden. Und aus genau diesem Grund sehe ich Langstreckentauglichkeit als eine Grundvoraussetzung für einen Markterfolg an. Langstreckentauglichkeit erfordert aber zwingend Schnelllade-Fähigkeit, und die wiederum erfordert große Akkus und ein gut ausgebautes Ladenetz. All das bietet bisher nur Tesla, alle anderen müssen ihre Hausaufgaben noch machen.
Gruß
Michael
Emco Novantic C2000 25.11.2013 - 24.10.2017 R. I. P.
Emco Nova R2000 seit 28.12.2023 2 kW - 48 V / 2 x 37 Ah (=3,552 kWh) Cleantron Li(NiCoMn)O2